Meine sehr geehrten Damen und Herren,
und alle dazwischen und außerhalb,

ich steige ein mit dem Beitrag für die Liste Liste Teilhabe Inklusion für meinen Kollegen Ramon Kathrein. 

Wir freuen uns über unsere erfolgreichen Inklusions-Anträge, die wir erfolgreich in diesem Haushalt durchbringen konnten. Der barrierefreie Ausbau der Freiburger Innenstadt war lang überfällig – es ist ein großer Erfolg, dass dafür nun zusätzliche Mittel bereitgestellt werden. In Barrierefreiheit zu investieren bedeutet, in unsere Gesellschaft und deren Zusammenhalt zu investieren. Gerade in Zeiten, in denen rechte Parteien diesen Zusammenhalt angreifen und durch ihren Hass schwächen wollen. 

Gerade unter diesem Gesichtspunkt hat es uns überrascht, wie wenig Anträgezu Barrierefreiheit und Inklusion im diesjährigen Doppelhaushalt gestellt wurden. Bis auf „Eine Stadt für alle“ sah es bei den anderen Fraktionen mau aus. Ein gutes Signal – ist das nicht.

Deshalb möchten wir einen Appell an alle Fraktionen richten, denen Inklusion und Gemeinschaft am Herzen liegt: Beschäftigen Sie sich mit dem Thema Barrierefreiheit und Inklusion und beziehen Sie es in Ihre Alltagsgeschäfte mit ein! 

Wenn wir gemeinsam unsere Themen auch unter dem Aspekt der Inklusion betrachten, erzielen wir schneller größere Erfolge.

Werden Sie selbst zu Expert:innen für Teilhabe und Inklusion in ihren jeweiligen Fachbereichen!

Kommen wir zur Kultur, in all ihrer schillernd, schönen Komplexität und Vielfalt.

Es waren intensive Haushaltsberatungen. Ohne Zweifel die Zeitaufwendigsten. Das können alle Kolleg:innen der weiterhin überwältigend demokratischen Mehrheit dieses Hauses, welche sich diesem herausragenden Fachbereich widmen, bestätigen. An Sie alle – über Partei- und Lager-Grenzen hinweg – ein herzliches Dankeschön, dass Sie sich der Sache der Kultur so intensiv widmen.

Diese überparteiliche Zusammenarbeit war ausschlaggebend, um heute sagen zu können: Es waren dann doch überraschend gute Haushaltsberatungen für die Freiburger Kulturlandschaft. Und ich bin der festen Überzeugung, das hat etwas mit der Eigenschaft dieses besonderen Fachbereiches zu tun: Ja, es ist der Kulturbereich, wo parteipolitische Befindlichkeiten eher mal überwunden werden können, wo es einfacher ist, zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Wo andere Fachbereiche aufgeladen sind und regelmäßig für Polarisierung sorgen, können hier weiterhin tragfähige Brücken gebaut werden.

Ich behaupte, es hat etwas damit zu tun, dass der Bereich Kultur eben jener eine Fachbereich ist, der sich nicht quantifizieren oder qualitativ bewerten lässt. Der immer etwas Persönliches mit sich bringt. Weil es nun mal um Personen und ihr persönliches Wirken geht. Kunst spricht Menschen in ihrem Wesen an. Direkt. Sie lädt dazu ein, sich in ihr wiederzufinden oder zu verlieren, stiftet Verständnis, Freude, Trost, sie motiviert, stellt Fragen, stiftet Gemeinschaft, lädt ein zum gemeinsamen Perspektivwechsel: 

Du kannst sie dabei noch so blöd finden.
Kunst wird Dich niemals blöd finden. 
Kunst kann nicht anders, als persönlich zu sein.

Wer hingegen glaubt, der Welt durch Listen und Zahlen zu einer effizienteren Ordnung verhelfen zu können, 
wird es mit Stift und Papier bestenfalls bis zur Schablone bringen.
Aber niemals zum Bild.

Wer meint, er könne beweisen, dass die eine künstlerische Betätigung oder Leistung mehr “wert” sei, als die andere, verkennt, welche Beleidigung an der Würde des Individuums allein der Versuch darstellt.

Der Wert einer offenen Gesellschaft bemisst sich nicht zuletzt am Umgang mit ihren gestaltenden Kräften.

Jenen, die sich nicht anders helfen können, als über ihren künstlerischen Ausdruck mittzuteilen.

Es stimmt. Bei Kunst und Kultur geht es immer um die Würde des Einzelnen. Nicht umsonst sind es Victor Orbans, Recep Tayyip Erdoğans, Donald Trumps dieser Welt – und wir müssen nicht weit in die Vergangenheit blicken, wo noch viel düsterere Namen lauern – denen dieser Umstand ein Dorn im Auge ist. Totalitaristen können nicht anders, als die Stimme des unangepassten Individuums zu fürchten. Zu Recht. Künstler:innen können nicht anders, als jeden Versuch der Beschneidung ihrer individuellen künstlerischen Freiheit als verdammt persönlich zu empfinden. Darüber hinaus besitzen sie auch noch “die Frechheit”, potenziell verdammt ansteckend sein zu können. Sie sind das Frühwarnsystem demokratischer Erosionsprozesse. Die erste Brandmauer einer jeden offenen Zivilgesellschaft.

Das frisch eröffnete NS-Dokuzentrum ist hier ein wichtiger Baustein, für dessen freien Eintritt wir uns erfolgreich eingesetzt haben und weiter einsetzen werden.

Wir wägen uns in Freiburg von autoritär-rechtsnationalen Zuständen weit entfernt. Aber die Wahrheit ist, wir müssen uns Gedanken machen über gesellschaftlich-demokratische Resilienz und die Rolle der Künste. Gerade wir hier im Dreiländereck: geographische und kulturelle Herzkammer des freien Europas. Wenn nicht wir, wer sonst?

Ich bin zur Kulturliste gelangt, für welche ich heute vor Ihnen als Stadtrat meine erste Rede halten darf, wofür ich mich sehr bedanken will, da mir dort Menschen, wie Atai Keller mit einem Grundsatz begegnet ist, der für ihn trivial war. Er lautet: Keine Kunst, keine Kultur ist besser oder schlechter als die andere. Keine Sub- oder Nachtkultur besser oder schlechter als die “Hoch- und Hauptkultur” – die es sowieso nicht gibt – bestenfalls eine etablierte Kultur – und auch diese nicht mehr oder weniger wert, als jeder einzeln gemeldete Bedarf der freien Szene.

Die Freie Szene mit ihren unzähligen Solo-Selbstständigen Künstler:innen stellt dabei nicht nur in Freiburg in Summe mit Sicherheit den größten Anteil in der Gesamtschau aller Kunstschaffender dar. Hier etabliert sich zunehmend mit der IFMS (Initiative freie Musikszene Freiburg) eine Interessensvertretung, welche hoffentlich in Zukunft zu einer starken Stimme dieses komplizierten Bereiches erwachsen wird. Deren Haushaltsantrag ist zwar gescheitert, aber wir möchten ihnen Mut zusprechen. Weitermachen!

Wir brauchen solche Initiativen und Netzwerke. Wer weiß denn am Ende des Tages besser über die Bedarfe der vielen Szenen Bescheid, als nicht die jeweilige Szene selbst? Das gilt genauso für die IG Subkultur, welche leider erneut in den Beratungen durchgefallen ist, und ja, auch für die Chorstadt Freiburg, deren Antrag wenigstens teilweise erfolgreich war. Wir mögen inhaltlich in der aktuellen Debatte unterschiedlicher Auffassung sein. Stichwort Reset der Chorförderung. Wichtig ist, dass eine Debatte überhaupt stattfindet.

Unser Appell richtet sich daher an alle vernetzungsfreudigen Kulturschaffenden: Schließt euch zusammen, gründet in den fehlenden Fachbereichen Zusammenschlüsse: Die Bühnen und Häuser dieser Stadt teilen oft ähnliche Bedarfe, doch diese reden nur teilweise und viel zu wenig miteinander. Macht euch frei von möglichen Vorbehalten und geht aufeinander zu. Euch zu schützen und abzusichern, muss für uns alle von vordringlicher Wichtigkeit sein.

Auch dem Bereich Literatur würde eine Interessensvertretung gut tun. Wir haben zwar ein starkes Literaturhaus und freuen uns über die Erhöhung des Zuschusses rechtzeitig zum Jubiläum “40 Jahre Literaturgespräch”, aber ein Haus allein kann kein Netzwerk herbeizaubern. Ein Berg kann nicht auch noch alle Propheten einsammeln.

Der Bereich digitale Kunst ist für uns im Rathaus überhaupt nicht greifbar. Leute, wir haben 2025! Videospiele sind längst anerkannt als das, was sie sind: Interaktive Kunstwerke. Durch Künstliche Intelligenz entsteht gerade das Handwerkzeug, das bei richtiger Anwendung aus einer Wahrheit eine Wirklichkeit werden lässt: Jeder Mensch ist Künstler. Es wird höchste Zeit, dass die digitalen Künstler:innen politisch in Erscheinung treten und sich vernetzen.

Im Bereich der Bildenden Kunst gelangen uns wichtige und notwendige Erhöhungen für impulsgebende Einrichtungen wie das Kulturaggregat und das Künstler:innen-Kollektiv DELPHI. Ebenfalls konnte ein Mietzuschuss für die Künstlerwerkstatt gesichert werden, nachdem das L6 aufgelöst wurde. Und: Mit dem Einzug des innovativen Mehrsparten-Hauses Huji-Maja Space – ein experimentelles Kultur-Super-Cluster – konnten wir zur verdienten institutionellen Förderung verhelfen.

Das wichtigste Werkzeug, welches wir erfolgreich durchsetzen konnten, kommt ab 2026: Mit der Einführung von Ausstellungshonoraren werden zukünftig Gagen auch für Bildende Künstler:innen möglich. Damit erreichen wir Breitenwirkung und mehr Wertschätzung für einen ansonsten prekär entlohnten Kulturbereich.
Auch hier gilt der Appell an die Künstler:innen: Vernetzt euch, schließt euch bestehenden Netzwerken und Verbänden wie GEDOK und BBK an. Gestaltet mit. Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein.

Solange freuen wir uns über die 10 Neuzugänge in die Institutionelle Förderung. Letztlich konnten wir über eine Millionen Euro zusätzlich für den Kulturbereich hier ermöglichen. Der gesamt gemeldete Bedarf lag bei knapp vier Millionen. 

Und dennoch: Es bleibt eine sehr gut investierte Millionen. Mehr davon.

Wir stimmen dem Haushalt zu.

Vielen Dank.

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